Seit August nutzen 100 Schulen des Landes die Bildungsplattform Edunex. Rudolf Peschke, Referatsleiter im Kultusministerium Hessen, über erste Erfahrungen und erste Verbesserungsvorschläge.
Welche Erwartungen verbindet das hessische Kultusministerium mit dem Pilotprojekt „hessen.eEducation“?Erstens wollen wir Schulen neue Lehr- und Lernformen näherbringen. So fördern eLearning und eLearning-Plattformen das selbstständige Lernen und erleichtern die individuelle Förderung. Ich gehe davon aus, dass diese Werkzeuge den Unterricht qualitativ verbessern können. Hier brauchen wir die Erfahrungen aus dem Projekt, damit wir eine solide Grundlage für strategische Überlegungen im eLearning-Bereich bekommen.
Die zweite Ebene betrifft die Frage, wie eine Entwicklungsaufgabe zwischen Land, Schulen und Unternehmen gemeinsam gestaltet werden könnte. Können Schulen Vorteile daraus ziehen, wenn sie mit einem IT-Partner zusammenarbeiten, der neben dem Werkzeug auch Inhalte von Verlagen auf der Plattform vorhält und sie für schulische Bedürfnisse weiterentwickelt.
Welche Voraussetzungen mussten Schulen für die Teilnahme am Piloten mitbringen?Der Erfolg steht und fällt mit dem Bekenntnis aller, Edunex nutzen zu wollen. Daher war beispielsweise die Zustimmung der Gesamtkonferenz der Schule Pflicht. Aber auch die kommunalen Schulträger mussten mitmachen, denn sie stellen den Schulen die Medienausstattung zur Verfügung.
Welche Kriterien waren bei der Auswahl der Bildungsplattform und des Dienstleisters ausschlaggebend?Die Funktionalität der eLearning-Plattform musste den aktuellen Standards entsprechen und der Anbieter bereit sein, die Plattform weiterzuentwickeln. Entscheidend war auch die Bereitschaft, die Nutzungsrechte für die Inhalte mit den Verlagen auszuhandeln. Schließlich musste das Paket auch Schulungen für Lehrkräfte und ergänzende IT-Komponenten beinhalten.
Lässt sich schon absehen, für welche Schulformen, Fächer und „Schüler-Generationen“ die Plattform besonders geeignet erscheint?Grundsätzlich eignen sich natürlich alle Fächer und alle Schulformen für eine solche Plattform. Immer da, wo zusammen gearbeitet und gelernt wird, wo Aufgaben schriftlich erledigt werden, da kann eine Plattform helfen und erleichtern. Selbstverständlich ist es für Fächer wie Politik und Wirtschaft wichtiger, tagesaktuelle Materialien für Schüler zur Verfügung stellen zu können, als zum Beispiel für Kunst. Und natürlich ist eine Plattform mit Verlagsinhalten da genau passend, wo Schüler selbstständig vertiefen und üben können, also beispielsweise im Grammatikunterricht. Hier können Lehrer den Stoff dann individuell auf den Schüler zuschneiden – sowohl zeitlich als auch inhaltlich.
Gibt es bereits Wünsche, wo Edunex digitales Lernen noch effektiver macht?Wünsche nach Verbesserung kommen immer sofort auf. Aber wichtiger ist im ersten Schritt, einen guten Standard im Alltag für nicht technikaffine Lehrerinnen und Lehrer zu erreichen. Generell soll eine Lernplattform lohnenswert, einfach, stabil und preiswert sein. Die Plattform muss für alle weitgehend selbsterklärend sein. Nur wenn das gegeben ist, dann wird mit Edunex erfolgreich und in großem Umfang gearbeitet.
Glauben Sie, dass Lernplattformen wie Edunex sich langfristig durchsetzen werden?Für die Qualitäts- und Organisationsentwicklung von Schulen wird der Einsatz geeigneter IT-Werkzeuge an Bedeutung gewinnen. Ein Ineinandergreifen unterschiedlicher Module zur pädagogischen Schulverwaltung, für eLearning im Unterricht, für die Elternkommunikation oder auch für ein Qualitätsmanagement wird künftig erwartet. Wichtig bleibt, das didaktisch-methodische Repertoire der eLearning-Plattform weiterzuentwickeln, ansonsten gilt sie schnell als „verstaubt“.
Wie beurteilen Sie die Online-Bildungsinhalte der Schulbuchverlage?Hier würde ich mir mehr Innovationsbereitschaft der Verlage wünschen. Sie sind mit Investitionen noch sehr zurückhaltend. Für sie scheint der Absatzmarkt für digitale Produkte bisher nicht homogen und breit genug zu sein. Im Projekt können wir auf einen Grundstock von Cornelsen und Klett zurückgreifen, der durchaus einen Einstieg in das veränderte Lehren und Lernen ermöglicht. Aber auch diese pädagogischen Produkte sind Veränderungen unterworfen und brauchen eine kontinuierliche Weiterentwicklung.
Wie verändern multimediale Unterrichtsplattformen die Rolle des Lehrers?Die Antwort hängt sehr davon ab, wie eLearning-Plattformen eingesetzt werden: unterrichtsergänzend oder unterrichtsersetzend. Derzeit ist davon auszugehen, dass die Plattformen den Lehrkräften und Schülern dazu dienen, das bisherige Unterrichtsgeschehen organisatorisch, didaktisch und methodisch anzureichern.
In der Aufbauphase eines Unterrichts mit Plattformen ist der Lehrer selbst noch einmal Lerner, denn er muss sich ja mit der Lernplattform auseinandersetzen, seine Klassen einrichten und verwalten und den Unterricht anders als gewohnt vorplanen. Im zweiten Schritt erleichtert die Plattform den Lehrkräften an bisherigen pädagogischen Defiziten anzusetzen, wie zum Beispiels die individuelle Förderung einzelner Schüler. Auch bei einem Auslandsjahr oder längerer Krankheit kann so Lernfortschritt und Unterrichtsteilhabe garantiert werden.
Die Rolle des Lehrers im klassischen Sinn ändert sich im unterrichtsergänzenden Ansatz wenig: Noch immer strukturiert, ordnet und analysiert er den Lernprozess seiner Schüler. Die Lernzeiten der Schülerinnen und Schüler sind jedoch nicht auf den 45 Minutentakt beschränkt und es entstehen neue Formen der Lehrer-Schüler-Kommunikation.
