Edunex. Das Gremium für eine zukunftsfähige Bildung.

Akzeptanz durch Aufklärung.

Professor Wilfried Hendricks, Gründer und Leiter des IBI-Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft an der Technischen Universität Berlin, und „Erfinder“ des Deutschen Bildungsmedien-Preises „digita“ zu multimedialen Lernsystemen und ihrem Einsatz in Bildungseinrichtungen oder für private Zwecke.

Professor Wilfried Hendricks

Wie wichtig sind multimediale Lernsysteme für den Erfolg von Schulen, Lehrern und auch Schülern?Im Gegensatz zu den klassischen Methoden im Unterricht können Lehrer mit multimedialer Unterstützung individueller auf Kinder und Jugendliche eingehen. Weiterhin bieten multimediale Lernsysteme mehr Freiheiten, sich selbstständig zu informieren und das eigene Wissen weiterzuentwickeln. Lehrer können dieses eigenständige Lernen als „Supervisor“ begleiten und gegebenenfalls eingreifen, damit sich Schüler nicht in die falsche Richtung verrennen. Generell kann man feststellen, dass das Potenzial, multimedial zu lernen, deutlich angewachsen ist, so dass Jugendliche heutzutage in der Lage sind, die digitalen Systeme zu nutzen.

Lehrer tun sich aber schwer mit dem Einsatz solcher Systeme.Viele Lehrer tun sich schwer, von ihrem konventionellen didaktischen Konzept Abstand zu nehmen. Dies liegt daran, dass Lehrer sich selbst neu orientieren müssen, da sie bisher nicht im nennenswerten Umfang für den Einsatz multimedialer Lernsysteme ausgebildet werden. Diese Kompetenz muss sich zurzeit noch jeder Lehrer selbst oder über Lehrerfortbildung aneignen. Staatliche Angebote hierzu sind leider nicht ausreichend vorhanden, obwohl es schon 1983 die ersten Modellversuche zur Nutzung von Computern in der Schule gab. Aber noch immer ist Lernen mit digitalen Medien keine Massenbewegung, und offensichtlich wird der Ausbau der IT-Struktur auch in den Konjunkturpaketen nicht hinreichend berücksichtigt.

Es fehlt also an der generellen Bereitschaft der Lehrer, multimediale Lernmethoden anzunehmen?So allgemein kann man das nicht sagen. Die Lehrer, die multimediales Lehren und Lernen kennen und bereits mit entsprechenden Systemen arbeiten, gehen mit Begeisterung an die neuen Technologien heran. Die Lehrer ohne diese Kenntnis wissen nichts oder nur wenig damit anzufangen. Ein Know-how-Transfer zwischen den beiden Gruppen könnte als Fortbildung in Form von Peercoaching/Peerlearning stattfinden. Unterstützung durch Kollegen innerhalb der Lehrerschaft ist allerdings nicht jedermanns Sache. Wichtig ist hierbei die Kultur der jeweiligen Schulen. Es gehört generell zu den Aufgaben der Schule, eine Medienentwicklungsplanung vorzunehmen, in der u. a. sämtliche Medien als Werkzeuge des Lernens eingeplant werden. Sind in der Schulleitung innovativ eingestellte Personen tätig, die klar erkennen, was sie tun müssen und mit einem verständlichen Konzept darstellen, was notwendig ist und was die Schule mit einer nachvollziehbaren Medienentwicklungsplanung erreichen will, haben sie größere Chancen, die benötigten Gelder von den verantwortlichen Schulträgern genehmigt zu bekommen. Ein weiterer wichtiger Punkt: Der technische Support für die IT-Infrastruktur in den Schulen muss durch externe Dienstleister sichergestellt sein. Lehrer sollten nicht als Techniker agieren müssen; dazu sind sie einerseits in der Regel nicht hinreichend qualifiziert und andererseits zu teuer.

Wie sieht es mit den Lehrplänen aus?In den Lehrplänen wird den Schulen die Aufgabe zugewiesen, die Kinder und Jugendlichen bei der Entwicklung ihrer Interessen und Fähigkeiten zu unterstützen und zu begleiten. Anstelle des konventionellen Unterricht mit der Devise „one fits all“ rückt jetzt die Notwendigkeit in den Vordergrund, die Kinder und Jugendlichen individuell zu fördern und zu fordern. Leider folgen nicht alle Lehrer dem Geist und den Buchstaben der Lehrpläne. Deshalb nutzen sie auch nicht die Chancen, die der Einsatz multimedialer Lernangebote zur Erreichung der Ziele im Lehrplan bietet. Die Lehrer fühlen sich nicht gedrängt, die Vorgaben ernsthaft umzusetzen - und deshalb hat man leicht den Eindruck, es bliebe alles beim Alten. Zudem stehen seit PISA die didaktisch-methodischen Verbesserungen besonders in den sog. Hauptfächern im Zentrum der Diskussion. Leider ist diese Debatte nicht in Verbindung mit der Frage geführt worden, welchen Beitrag die digitalen Medien zur Optimierung des Unterrichts leisten können. Vielmehr sind die neuen Technologien an den Rand des Interesses gedrückt worden.

Dies bedeutet also, dass sich multimediale Lernsysteme kaum durchsetzen werden?Das muss man differenziert betrachten. Ein Teil der Lehrerschaft nutzt bereits die neuen Möglichkeiten der digitalen Technologien. Es ist keine Frage des Alters der Lehrer, vielmehr ist es eine Frage der Kultur einer Schule und ob diese technisch gut ausgestattet ist oder nicht. Es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob man in allen Klassenräumen Computer mit Internetanschluss zur Verfügung hat oder extra in einen Computerraum gehen muss. Der jeweilige Lehrer muss praktisch immer den Belegplan im Kopf haben und wissen, ob - passend zu einer speziellen Lernsituation - gerade der Computerraum für seine Schüler frei ist. Lernen mit digitalen Medien funktioniert daher überall dort, wo die technischen Voraussetzungen gegeben sind und die Lehrer über mediendidaktisches Know-how verfügen.

Was können Eltern tun?Sie sollten ordentlich „auf die Pauke hauen“. Würden die Eltern mehr Druck machen, wüsste jede Schule, dass sie reagieren muss. Allerdings: Wenn alle Lehrer und Eltern den Standpunkt vertreten würden, dass multimediales Lernen wirklich zu Verbesserungen von Lernergebnissen führen würde, könnte dies für die Schulträger teuer werden, wenn sie nämlich die adäquate Ausstattung bereitstellen müsste. Hier müssten die Eltern im politischen Raum ihren Einfluss geltend machen und die Schulen bei ihren Bemühungen um technische Ausstattungen unterstützten.

Warum lassen Eltern denn den Nachdruck vermissen? Es gibt leider noch immer die oft zitierte Aussage von Eltern: „Durch den Computer im Unterricht sitzen unsere Kinder ja noch mehr vor der Kiste.“ Dies halte ich für eine Attitüde des Bildungsbürgertums. Hier muss Aufklärung betrieben werden, denn in der Schule kann gelernt werden, mit den digitalen Medien verantwortungsbewusst umzugehen. Insofern hat die Schule eine kompensatorische Funktion, und zwar gerade auch bei den Kindern, die - daheim allein gelassen - „vor der Kiste hocken“. Gleichwohl sollte man die Eltern in ihren Sorgen erst nehmen, weil sie meist nicht wissen, welche Medien gut oder weniger gut für ihre Kinder geeignet sind. Leider wissen aber sehr viele Lehrer auch nicht gut am Medienmarkt Bescheid. Daher muss dafür gesorgt werden, dass Eltern und Lehrer ihre Medienkompetenz stärker entwickeln. Die Verantwortlichen für die Qualität der Lehrerschaft müssen viel stärkere Anstrengungen in der Personalentwicklung unternehmen. Zu bedenken ist dabei, dass die Technologieentwicklung und die dabei entstehenden Möglichkeiten für die Schule vom Marktgeschehen bestimmt werden. Das Bildungssystem kann und muss darauf reagieren. Hilfreich wäre es, wenn die Eltern – insbesondere die mit Verständnis für den technologischen Wandel – den Schulen die notwendigen Impulse gäben.

Was erwarten Lehrer von Inhalten innerhalb einer multimedialen Lernplattform?Folgt man den Aussagen von Verlagsvertretern, dann wären Arbeitsblätter für “kleines Geld“ sehr beliebt. Natürlich sollten Lehrer sich die Arbeit erleichtern. Dazu zählt in meiner Sicht aber auch, dass sie sich intensiver über eine Plattform vernetzen und ihre selbst entwickelten Materialien sowie ihre Erfahrungen untereinander austauschen. Was Lehrer von den Content-Anbietern auch erwarten, sind lehrplankonforme Materialien in größerem Umfang. Nicht nur in den Hauptfächern, sondern auch in den sog. kleinen und Nebenfächern sollten gute multimediale Lernangebote vorhanden sein. An die Lehrpläne angepasst, gibt es bereits multimediale Produkte in Fächern mit großer Streubreite. Wir sprechen hier aber nicht von einer Eins-zu-eins-Abdeckung. Gut aufbereitet sind die Sprachen, Erkunde und Mathematik. Für eine vernünftige Aufbereitung der Lerninhalte braucht man die Inhalte von den Verlagen. Dann ist da aber noch die Frage der Lernplattform: Deutsche Schulen brauchen Plattformen – auf jedem PC von Lehrern und Schülern.

Mit welchen Lernplattformen haben Sie sich bereits beschäftigt?Ich beschäftige mich seit 1983 mit den digitalen Medien an Schulen und kenne daher die meisten kommerziellen und nicht-kommerziellen Angebote.

Wohin geht der Trend? Zu kostenlosen Inhalten ?Wo wenig Geld vorhanden ist, geht der Trend meist zum Kostenlosen. Das ist eine natürliche Reaktion. Die sog. Umsonstangebote sind allerdings meist, do it yourself’-Inhalte von Lehrern für Lehrer. Diese bleiben jedoch oft weit hinter den Erwartungen zurück, die durch kommerzielle Produkte beeinflusst sind; mir sind allerdings auch bemerkenswerte Ausnahmen bekannt, z. B. die Produkte, die den digita-Förderpreis gewonnen haben.

Also doch eher auf kommerzielle Inhalte setzen?Ich selbst bin ein klarer Verfechter von kommerziellen Lösungen, da ich einen verantwortlichen und verlässlichen Partner haben möchte. Dies widerspricht dem Trend der Internetgesellschaft, dass alles möglichst nichts kosten darf. Die einzelnen Länder zeigen die Bereitschaft, Landeslizenzen und Budgets für Lehrmittel zur Verfügung zu stellen. Ein erfolgreiches und gutes Beispiel war Hessen. Es hängt immer an den Entscheidern auf allen Ebenen - von der Schulleitung aufwärts.

Spielt Technik eine Rolle?Bei den offenen Plattformen besteht die Schwierigkeit, neue Produkte oder externe Inhalte einzubinden. Bei den kostenlosen Plattformen funktioniert die Verzahnung mit bestimmten, oft notwendigen Komponenten nicht. Dies ist bei einer kommerziellen Lösung anders. Hier kann ich, sofern es technisch machbar ist, fehlende Features und Komponenten bestellen. Das macht den Zugang zu Neuerungen schneller und flexibler. Im Fall der freien Systeme ist man immer auf zufälliges Interesse und Freiwilligkeit derjenigen angewiesen, die Inhalte bereit stellen. Hier herrscht also kein Kunden-Lieferantenprinzip.

Können Sie uns den Nutzen von multimedialen Lernplattformen noch einmal kurz zusammenfassen.Plattformen als Lernmanagementsysteme können die Kommunikation zwischen Lehrern, Schülern und Eltern optimieren. Mit ihnen lassen sich Erfahrungen und Anregungen innerhalb der Lehrerschaft austauschen, sind Verwaltungsaufgaben einfacher zu handhaben, können schulrelevante Informationen allen Personen innerhalb der Schule aktuell zur Verfügung gestellt werden. Sowohl für Lehrer als auch für Schüler ergeben sich mannigfache Erleichterungen im Lehr- und Lernprozess; besonders hervorzuheben ist die gezielte und individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen.

nach oben